Zukunftsvision Schwarzwald 2050

Am Häuslemaierhof bei Buchenbach, in idyllischer Alleinlage am Fuß des Südschwarzwaldes, wirkt alles ruhig und normal. Die Tiere dösen auf der Weide, die Menschen gehen im Garten ihrer Arbeit nach und ernten die ersten Zwetschgen des Jahres. Ab und zu ist in der Ferne eine Säge zu hören. Eine kleine Gruppe sitz im Schatten unter einem großen Apfelbaum und steckt die Köpfe zusammen, es wird selbsgebackenes Brot gereicht dazu Käse, Honig und Früchte vom Hof. Hier entstehen Skizzen und Designs für die Zukunft des Hofes. So hatten wir uns den Schwarzwald nicht vorgestellt. Kein Mensch ahnt das hier gerade eine stille Revolution beginnt, das hier die Keimzelle der heutigen Permakulturregion liegt welche in den nächsten Jahren eine ganze Kulturlandschaft verändern wird.

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Permakultur Dreisamtal eV.

Seit Beginn des Jahres 2014 entsteht auf dem Gelände des Häuslemaierhofs in Buchenbach das Permakultur Regiozentrum Dreisamtal als groß angelegtes Lebensexperiment. Hier soll nach Aussage eines der Bewohner, erlebbar gemacht werden, wie wir durch Permakultur unsere Bedürfnisse erfüllen und gleichzeitig einen ökologischen Mehrwert erzielen können. Mit den vielfältigen Angeboten (wie z.B. Workshops, Seminare, „Werkel-Wochenenden“) wird versucht, Permakultur einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen. Darüber hinaus möchte der Hof gemeinsam mit weiteren AkteurInnen – die Zukunftsfähigkeit der Schwarzwald Region fördern und mitgestalten.

Mischkultur
Mischkultur

Die Gestaltungsansätze zum Schaffen einer dauerhaften Landwirtschaft welche hier erprobt werden,  wurden erstmals von Bill Mollison und David Holmgren in Australien publiziert. Von dort ging die Permakultur-Bewegung Ende der 1970er-Jahre ihren Weg in die Welt; 1981 erhielt Mollison den „Alternativen Nobelpreis“ (Right Livelihood Award) dafür. Ziel der Aktiven war und ist die Verwirklichung dauerhafter landwirtschaftlicher Systeme. Seit seiner Prägung erfuhr der Begriff „Permakultur“ darüber hinaus eine inhaltliche Wandlung. Er wird heute eher als permanent culture gefasst, also als ein Gestaltungssystem zur Entwicklung einer komplexen Lebens- und Lebensraumgestaltung, einer dauerhaften Kultur. Denn die Landbewirtschaftung ist, bei genauem Hinsehen, von unserer zwischenmenschlichen Kultur nicht zu trennen.

PermakulturBlume-04Zahlreiche nützliche Ideen, Methoden, Fähigkeiten und Lebensweisen werden in der Permakultur, wie in einem Werkzeugkasten, versammelt, um eine zukunftstaugliche Entwicklung der Menschheit zu unterstützen. Somit werden die ökologische Land-, die Forst- , die Wasser- und die Energiewirtschaft sowie der Gartenbau,  die Architektur, die Gemeinschafts- und Sozialökonomie, harmonisch und holistisch miteinander verwoben. Permakultur-Aktive befassen sich so beispielsweise neben dem Gärtnern mit ganzheitlicher Weidewirtschaft oder Aquakulturen, mit natürlichen Baumaterialien, solidarischer Landwirtschaft, Gewaltfreier Kommunikation oder selbstgestaltetem Lernen.

Seit mittlerweile 30 Jahren wird sich auch in Deutschland für Permakultur engagiert. Bis heute ist ein lebendiges Netzwerk an aktiven Menschen gewachsen. Vielerorts haben sich regionale Vereine gebildet, in privaten Gärten und Haushalten wird Permakultur gelebt und ausprobiert. Es gibt eine von Permakultur inspirierte Schule (http://www.permakulturschule.com). Hier arbeiten Stadtplaner, permakulturorientierte Garten- und Landschaftsbauer und Interessierte aus allen Bereichen des Lebens Hand in Hand. Viele kleine und größere Orte, die bei Veranstaltungen, Praktika oder Kursen besucht werden können sind in den letzten Jahren im bundesgebiet entstanden. Im Stadtteil Vauban hat sich im Jahr 2013 eine Bürgerinitiative gebildet, die Urbanes Gärtnern und Transition Aktivitäten miteinander verbindet. Wir sind Teil der „Transition Town Freiburg“ und fühlen uns verbunden mit der weltweiten Bewegung „Urbanes Gärtnern“. Am Projekt beteiligen sich bisher HobbygärtnerInnen, RentnerInnen, Berufstätige, StudentInnen und Kinder. Wir teilen unser Wissen und ergänzen uns mit unseren unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten.Wir haben uns mit Harmut vom Wandelgarten Vauban eV im Gemeinschafts-Garten des Freiburger Öko Stadtteil getroffen und uns nocheinmal die Permakultur Prinzipien erklären lassen.

Aber zurück zur Erfolgsgeschichte des alten Häuslemeierhofes. Nach den ersten hier praktizierten erfolgreichen Workshops wurde 2015 die Universität Freiburg auf das nachhaltige Zukunftlabor im Schwarzwald aufmerksam. Gemeinsam mit der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen ließ sich ein Projekt entwickeln, welches zum Erwerb eines weiteren traditionellen Kleinbauernhofs führte. Man wollte herausfinden wie sich die traditionellen und für die Kulturlandschaft Schwarzwald so wichtigen Wirtschaftsweisen nachhaltiger gestalten lassen. Von Anfang an wurde hier auf die Vernetzung und Einbeziehung lokaler Partner gesetzt, so beteiligte sich auch die Naturpark Verwaltung Südschwarzwald an dem Vorhaben.

Über einen Zeitraum von drei Jahren führt die Universität hier zahlreiche Aggroforst Experimente durch. Das Konzept zielt auf eine Kombination von nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft ab und ist bereits in subtropischen Regionen der Erde erprobt. Die lokalen FörsterInnen sind am Anfang skeptisch, Protest macht sich breit, Plakate mit „Finger Weg von unserem Wald“ und „Wir sind kein Versuchslabor für Ökospinner“ tauchen auf.

Gemeinsam mit den Pionieren vom Dreisamkultur eV. gelingt es aber den Hof mit zahlreichen Veranstaltungen und Workshops über die Region hinaus bekannt und akzeptiert zu machen. Inzwischen gibt es auch ein Bed and Breakfast welches jährlich 100 Naturtouristen anzieht und die Workshopgäste aufnimmt. Gemeinsam lernen die Gäste traditionelle Brotbacktechniken im Lehmofen, Pilzzucht oder moderne Aquakultur kennen. Die vom Hof vertriebenen Schwarzwald Produkte aus nachhaltiger Produktion, wie Wolle, Käse, Honig, Holzarbeiten, werden immer mehr auch zu einem wirtschaftlichen Faktor. Die Anfangs lockeren Richtlinien sorgen für breite Beteiligung vieler Landwirte.

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2018 entschließt sich die Fakultät für Forst und Umwelwissenschaften den Universitätswald um den beliebten Matthisleweiher nur noch nach Permakulturellen Prinzipien zu bewirtschaften. Die Permakultur macht einen großen Schritt in der Forschung und wird als Konzept zur Bewirtschaftung eines Waldes anerkannt.

Zwei Jahre später wird aufgrund der Schwierigkeiten breite Akzeptanz für das Projekt zu gewinnen der Runde Tisch zur Permakultur Region gegründet. Hier kommen alle Akteure, FörsterInnen, JägerInnen, Holzindustrie, LandwirtInnen, Tourismusverbände, Naturschutz, Forschung und die Gemeinden zusammen um erstmals über weitere Potenziale und Strategien zu sprechen.

Die Arbeit des Rundentisches führt zur touristisch wirksamen Gründung des Permakultur Bildungs und Regionalzentrums im Matthislewald. Diese wird durch eine Vielzahl von Partnern unterstützt, erhofft man sich doch von der inzwischen großen Nachfrage nach nachhaltigen Reisezielen und Produkten zu profitieren. Immermehr Höfe und Betriebe stellen ihre Produktion auf Permakultur um, da dies von den zahlreichen Gästen aus der ganzen Welt vermehrt erwartet wird. Zudem wird ein Nutzungszonen Konzept für den Naturpark entwickelt.

Permakultur Zonen

2033: Der Runde Tisch entwickelt gemeinsam mit den Schwarzwaldgemeinden ein Siegel welches Bundesweit Produkte aus dem Schwarzwald vermarktet und zwar die Herstellung auf permakulturellen Prinzipien garantiert. Die Produktpalette reicht inzwischen von Möbeln, Europaletten, Edelhölzern, Käse, Schinken, Kuckucksuhren, Pullover, Besen, Forellen, Honig, Naturheilprodukten, Tees, Pilzen usw….

2035: Die Permakulturroute entsteht aus der vorherigen Arbeit. Mittlerweile sind 7 Kleinbauernhöfe und grosse Waldflächen Teil dieses Projekts. Es gibt einen ausgeschilderten Weg, Restaurants, Übernachttunsmöglichkeiten und ein Naturcampingplatz am Mathisleweiher.

2050: DerNaturpark wird zur Permakulturregion Südschwarzwald erklärt, was bedeutet das in Zukunft alle Dimensionen des Wirtschaften, menschliche Eingriffe in die Natur und die Prozesse des Sozialenmiteinanders in den Gemeinden, nach permakulterellen Prinzipien organisiert werden.

Basis für diesen Erfolg ist die Hohe Vernetzung und Einbeziehung aller lokalen AkteurInnen. Auch die für die Menschen und Touristen erlebbaren und wunderschön gestalteten individuelle Projekte und Höfe haben der Idee sicherlich Auftrieb gegeben. Hätte man es den PionierInnen vom Häuslemeier Hof 2014 gesagt was ihr Mut und Experiment für einen Effekt in der Zukunft haben würde, sie hätten uns wahrscheinlich nicht geglaubt.

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